2020

Deutsche Geschichtsquellen des 19. und 20. Jahrhunderts Band 77: Robert Davidsohn: Menschen, die ich kannte. Erinnerungen eines Achtzigjährigen. Herausgegeben von Martin Baumeister, Wiebke Fastenrath Vinattieri unter Mitarbeiter von Wolfram Knäbich. Duncker & Humblot, Berlin 2020, XI, 891 S., geb. 119,90 €, ISBN 978-3-428-15716-7

Robert Davidsohn (1853–1937) ist bis heute aufgrund seiner monumentalen Geschichte des mittelalterlichen Florenz in Fachkreisen ein Begriff. Kaum etwas weiß man von seinem ungewöhnlichen Werdegang. Aus einer assimilierten jüdischen Danziger Kaufmannsfamilie stammend, war er als junger Mann als Journalist und Zeitungsunternehmer in Berlin erfolgreich. Nach einem späten Geschichtsstudium wählte er die Lebensform eines Privatgelehrten in Florenz, wo er Aufnahme in die Kreise der gebildeten wohlhabenden städtischen Eliten fand und internationale Anerkennung als Historiker gewann. Die vor wenigen Jahren entdeckte Autobiographie Davidsohns, die hier als kommentierte Erstedition vorgelegt wird, ist ein einmaliges Zeugnis eines deutsch-jüdischen Grenzgängers zwischen Deutschland und Italien, zwischen Journalismus und Geschichtswissenschaft, zwischen zünftiger und freier historischer Forschung, in einem weiten Bogen von den 1850er Jahren bis in die Zeit von Faschismus und Nationalsozialismus.

 

Akten der Reichskanzlei. Die Regierung Hitler 1933–1945. Band X: 1943. Herausgegeben für die Historische Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften von Hans Günter Hockerts, für das Bundesarchiv von Michael Hollmann. Bearbeitet von Peter Keller und Hauke Marahrens. Mit Vorarbeiten von Friedrich Hartmannsgruber. Boston/Berlin 2020, LXIV, 889 S., EUR 109,95, ISBN 978-3-11-063337-5

1943 läßt sich die Krise der deutschen Kriegführung nicht länger leugnen. Seit der Niederlage von Stalingrad befindet sich die Wehrmacht an der Ostfront auf dem Rückzug. In zunehmendem Maße bekommt nun auch die Heimat die Auswirkungen des Krieges zu spüren. Immer öfter werden deutsche Städte zum Ziel alliierter Luftangriffe. In der angespannten Lage sucht das Regime die Flucht nach vorn. Alle Kräfte sollen mobilisiert werden, um das Blatt doch noch zu wenden. Die Rede ist vom „totalen Krieg", der von jedem Einzelnen bislang nicht gekannte Opfer fordere. Doch die Lasten sind ungleich verteilt: Während im Reich aus Sorge um die Stimmung der Bevölkerung weiterhin diverse Rücksichten geübt werden, werden die besetzten Gebiete umso mehr für Deutschlands Krieg ausgebeutet. – 221 aufwendig kommentierte Dokumente führen zu zentralen Problemfeldern der Regierungspolitik, beleuchten das Machtgefüge des „Führerstaates" und machen administrative Entscheidungsprozesse sichtbar.